An einem Freitag im Herbst bekam ich den Auftrag, am nächsten Tag zwei Personen im Fünf-Sterne-Hotel Europäischer Hof in Heidelberg abzuholen. Die einzige Information, die ich über meine Gäste hatte, waren ihre Nachnamen. Ich rief bei der Rezeption und hinterließ meine Handynummer für den Fall, dass meine Fahrgäste Fragen oder Wünsche hätten, bevor wir am nächsten Tag zu unserer Reise ins 300 Kilometer entfernte Göttingen aufbrechen würden.
Kurz darauf erhielt ich einen Anruf von einem der beiden und erfuhr, dass die Passagierin eine berühmte Schriftstellerin aus Indien sein würde, die sich auf einer Lesereise durch ganz Europa befand. Glücklicherweise war der Gastgeber der bereits ausverkauften Veranstaltung in Heidelberg ein Freund von mir, der jemanden mit einem überzähligen Ticket kannte. Somit war es mir vergönnt, an der interessanten Lesung meines Fahrgastes teilzunehmen.
Mir wurde dabei schnell bewusst, wie anstrengend es sein musste fast jeden Tag in einer anderen Stadt zu sein, der lokalen Presse Interviews zu geben, abends aus einem Buch vorzulesen und nach der Veranstaltung noch Bücher zu signieren und sich mit den zahlreichen begeisterten Lesern zu unterhalten. Daher fragte ich sie, nachdem ich die beiden am nächsten Morgen abgeholt hatte, ob sie eine Fahrt in aller Stille vorziehen würde. Sie stimmte dankbar zu und war offensichtlich sehr erfreut, dass ich ihr diese Frage gestellt hatte.
Ihr junger Assistent des deutschen Verlages war die perfekte „dritte Person“ in meiner Limousine. Nicht nur half er ihr, die automatische Rückenmassage ihres Rücksitzes zu bedienen, sondern er unterstützte auch mich, zum Beispiel bei der Suche nach einer schönen Location in Alsfeld, wo wir eine Pause für ein zweites Frühstück einlegten.
Nachdem wir sicher in Göttingen angekommen waren, überraschte mich mein Fahrgast. In der Regel freut man sich, wenn man nach einer dreistündigen Autofahrt endlich aussteigen darf, speziell dann, wenn man in einem schönen Hotel wie dem Romantik Hotel Gebhard residiert. Aber die berühmte Autorin sagte stattdessen: „Es ist so angenehm und bequem in Ihrem Auto, dass ich am liebsten sitzen bleiben würde.“
Später schrieb sie mir noch:
“I will never forget it. And you were the perfect driver.“